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Eine Weihnachtsgeschichte

Bei Familie Tenktereng ist heute ganz viel los. Nachdem der Postbote heute Mittag den großen braunen Umschlag einwarf, war es mit der ruhigen Vorweihnachtsstimmung erstmal vorbei. Voller Neugier quängeln die Kinder schon den ganzen Tag, um endlich zu erfahren, was in dem verdächtigen Umschlag mit ausländischen Briefmarken steckt. Mändii, die größte der drei Kinder, ist 16 Jahre alt und immer für hitzige Diskussion mit ihren Eltern bereit. Die ersten Zicken zeigt sie schon am Morgen, wenn sie an ihrem Schreibtisch sitzt und ihre engelsblonden Haare bürstet. Wehe ihr kleiner Bruder Tobi geht an ihre Heiligtümer wie ihren neuen Eyeliner oder den angesagten Lipgloss fairy pink. Denn nicht nur einmal nutzte Tobi in ihrer Abwesenheit die Gelegenheit sich an ihren Beautyutensilien zu bedienen. Ob als Panda, Löwe oder Clown, für klein Tobi musste es immer bunt sein. Der 8-Jährige und damit Jüngste in der Familie geht in die dritte Klasse der benachbarten Waldorfschule und hat gerade gelernt, seinen Namen zu tanzen, was die Familie in den Wahnsinn treibt. Besonders aber die mittlere der drei Kinder: Milena. Milena ist ein echter Bücherwurm und mit ihren 13 Jahren auf dem Gymnasium Klassenbeste.
„Kiiiiinder, Tisch decken, Essen ist fertig.“ Während Milena pflichtbewusst anfängt, die Teller aus dem Schrank zu holen und Mändii nöhlt, dass ihre Nägel noch nicht trocken sind, poltert und rumpst es von oben die Treppe hinunter. Inspiriert vom letzten Besuch bei Oma, schallt es plötzlich laut durch den Hausflur „Ich will nen Cowboy als Mann..“ und Tobi kommt mit Milenas altem Springseil lassoschwingend ins Esszimmer gestürmt. Denn auch heute hatte er sich wieder einmal im Zimmer seiner großen Schwester ausgetobt und sich als Indianerhäuptling geschminkt. Da platzt Mama Corinna der Kragen und sie spricht ein Machtwort. Kurz darauf ist der Tisch gedeckt, Papa Benedikt kommt auch gerade rechtzeitig heim und der große braune Briefumschlag kann endlich geöffnet werden. „Hurra, wir haben es geschafft. Wir sind Teil des international familiy scout exchange programme for multicultural experiences and more“ erzählt Mama Corinna. Während Mändii und Milena noch fragend schauen, spricht es Tobi laut aus: „Häää?!“ „Das heißt wie bitte mein Sohn“ erwidert Papa Benedikt und lockert seine Krawatte. Die Familie hatte es also tatsächlich geschafft einen Platz in dem begehrten Austauschprogramm zu ergattern, in dem sich Pfadfinderfamilien aus verschiedenen Ländern und Kulturen begegnen können. Hierzu besuchen sich die Familien jeweils 2 Wochen, um das Leben der anderen Pfadfinder kennenzulernen und Erfahrungen auszutauschen. Während sich der kleinste am Tisch schon am Briefumschlag vergreift, um ihn sich über den Kopf zu ziehen, fällt plötzlich ein Foto aus dem vermeintlich leeren Umschlag. Und da kam Peter ins Spiel. Der alte gutmütige und immer schnarchende Rauhaardackel, der sich normalerweise nur unter Zwang bewegt, wird immer dann wild, wenn vom Esstisch etwas fällt. Aber die clevere Milena ist schnell genug und rettet das Foto vor dem gefräßigen Tier. In einer Winterlandschaft steht da eine Familie, die freundlich in die Kamera lächelt und in ihren weißen Skijacken fast ein bisschen wie Schneemänner aussieht. „Schatz, hast du gelesen wann Familie Szsahdkidg kommt?“, fragt Papa Benedikt, wie immer kontrollierend und faktencheckend. „Was? Schon nächsten Freitag? Da ist doch Nikolaus", stellt Mama Corinna fest, während ihr die ganze Farbe aus dem Gesicht weicht. Schon jetzt total unter Stress weiß sie gar nicht, wo sie anfangen soll: „Putzen, waschen, einkaufen, dekorieren, Geschenken besorgen, und das zusätzlich zum normalen Wahnsinn. Wie soll ich das denn schaffen? Und ihr müsst auch noch eure Zimmer aufräumen!“ Papa Benedikt versucht seine Frau zu beruhigen „Schatz, du schaffst das schon. Wir sind ja auch noch da.“ Während Mändii sich mit gequältem Gesichtsausdruck darüber beschwert, etwas tun zu müssen und im schlimmsten Fall sogar noch ihr Zimmer teilen müssen, wird Milena ganz hibbelig. „Aber Mama ich kann jetzt nicht aufräumen, du musst mir doch noch helfen, die blaue Lilie aufzunähen. Heute ist doch noch Juffigruppenstunde und ich will nicht die einzige sein, die nach ihrem Versprechen keine Lilie auf der Kluft hat.“ Am Abend ist endlich Ruhe in die Familie Tenktereng eingekehrt. Sie sitzen im Wohnzimmer, um sich auf einen gemütlichen Fernsehabend einzustellen, da kommt Milena von der Gruppenstunde nach Hause. Aufgeregt, wie sie ist, stolpert sie wieder einmal über den mitten im Weg liegenden Peter, der sich grummelnd einen neuen Platz mitten im Raum sucht. Sie berichtet stolz von der Gruppenstunde und dass sich alle auf den Besuch aus dem Ausland freuen. Schnell wird klein Tobi noch ins Bett geschickt und der Rest der Familie genießt mit einer großen Schüssel Popcorn den Abend mit einem Rosamunde Pilcher Film. Denn das ist Papa Benedikts Lieblingsbeschäftigung nach einem stressigen Arbeitstag.


Mit roten Nasen und frierend steht Familie Tenktereng erwartungsvoll und aufgeregt am Hauptbahnhof an Gleis 3. Selbst Rauhaardackel Peter ist es zu kalt, sich auf den Boden zu legen und seiner Lieblingsbeschäftigung nachzugehen. Mändii, Milena und Tobi liegen Mama Corinna schon in den Ohren und wollen wissen, wann der Zug endlich ankommt. Denn auf der Anzeigentafel wurde bereits eine kurze Verspätung angekündigt. Doch dann ist es endlich soweit, der Zug fährt quietschend in den Bahnhof ein und die Türen öffnen sich. Nach acht Tagen des Wartens können die Tenkterengs ihre Austauschfamilie endlich begrüßen. Schnell hat sie Milena am Ende des Bahngleises entdeckt. Voll bepackt, die Jacken unterm Arm, kommen sie schon winkend auf die Familie zu. „Oh wie schön, dass ihr endlich da seid. Ich hoffe ihr hattet trotz Verspätung eine gute Reise?!“, empfängt Mama Corinna die Szsahdkidgs herzlich. „Mama, die sprechen doch ausländisch, oder?“ wirft der kleine Tobi ein und zieht seiner Mama an der Jacke. Daraufhin beugt sich Olga freundlich zu dem kleinen Jungen runter und sagt „Keine Sorge mein Kleiner. Meine Eltern stammen aus Deutschland, deswegen sprechen wir alle deutsch. Du bist Tobi, oder? Ich bin Olga“ und reicht ihm, wie bei den Pfadfindern üblich, die linke Hand mit abgespreiztem kleinen Finger. Jetzt begrüßen sich auch die anderen Familienmitglieder wild und freudig durcheinander. Die kleine Dunja, ungefähr in Tobis Alter, sticht mit ihren feuerroten Locken und ihrem rosafarbenen Ballettröckchen sofort ins Auge. Sie scheint dieselben Vorlieben zu besitzen wie ihr Gastbruder. Schneller als die Eltern es begreifen können, haben sich die beiden kleinsten angefreundet und spielen auf dem Bahnsteig verstecken. Wesentlich schüchterner ist die mittlere Tochter der Familie Szsahdkidg, Irina. Still steht die 14-Jährige an der Seite ihres Vaters und ist mindestens einen Kopf größer als Milena. Auch ihr Vater Jurij ist großgewachsen. Mit seinem dunklen Vollbart und dem Karohemd sieht er aus wie ein echter Holzfäller. Doch wenn er lacht, strahlen seine blauen Augen und seine Lachfältchen spiegeln seine freundliche Art wider. Bevor die Kinder in ihrem Eifer noch auf die Gleise springen, treibt Mutter Corinna zum Aufbruch an und gemeinsam gehen die Familien zum Auto der Tenkterengs. Die beiden Väter verladen das Gepäck als Papa Benedikt den Rucksack von Irina entgegennimmt. Dieser zwingt ihn fast in die Knie. „Mein Gott, Irina, was hast du denn da drin? Backsteine?“, fragt er stöhnend. Kichernd erwidert sie „Nein, nur das ein oder andere Buch.“ Auch Boris packt fleißig beim Verladen der Koffer an. Der gutaussehende älteste Sohn der Szsahdkidgs, genießt schon seit dem ersten Moment Mändiis volle Aufmerksamkeit. Als Jurij die Jacken auf dem Rücksitz verstauen will, stoppt ihn Vater Benedikt und merkt an, dass es doch viel zu kalt sei. Da sie nämlich nicht alle ins Auto passen, müssen sie ihren Heimweg zu Fuß antreten. „Wir machen eine Schnitzeljagd, freut sich Tobi und springt jubelnd um Dunja herum, die gleich darauf in das Jubelgeschrei einstimmt. Dackel Peter schleicht sich derweil heimlich in den Fußraum des Beifahrersitzes. Schnell enttarnt Benedikt den faulen Hund: „Komm du Dickerchen, ein bisschen Bewegung tut dir auch mal gut“. Er zerrt ihn aus dem Auto und drückt Milena die Leine in die Hand. Und Mama Corinna nimmt sogleich das Kommando wie ein Marineschifffahrtskapitän in die Hand: „Los zieht eure Jacken an, dann können wir starten.“ Da ertönt Jurijs lautes Lachen: „Hier es doch total warm, zuhause haben wir minus 30 Grad.“ Die Männer steigen ins Auto und fahren los. Corinna teilt die Gruppen ein, erklärt den Ablauf und los geht die Schnitzeljagd nach Hause. Während sich die Familien besser kennenlernen und viel Spaß an ihrem kleinen Abenteuer haben, trottet ein Familienmitglied immer weit hinter den anderen her. Doch durch gutes Zureden der tierlieben Irina, schafft es auch der müde Dackel Peter bis nach Hause. Nach einem typisch deutschen Mittagessen verläuft der Nachmittag etwas ruhiger. Die Eltern der beiden Familien sitzen gemütlich im Wohnzimmer vor dem Kamin und unterhalten sich bei einer Tasse Kaffee. Mama Olga, eine kleine etwas rundliche und warmherzige Frau, berichtet mit leuchtenden Augen vom letzten Familienurlaub in Norwegen. Die dortige Fjordlandschaft hatte sie alle am meisten begeistert. Währenddessen stecken Milena und Irina mit ihren Nasen schon tief in ihren gemeinsamen Lieblingsbüchern und diskutieren schon heiß über die bereits angekündigte Fortsetzung ihres Lieblingsfantasyromans. Die einzigen, die es nicht ruhiger angehen lassen können, sind Tobi und Dunja, die seit Stunden durchs ganze Haus toben. Von Boris und Mändii fehlt seit dem Mittagessen jede Spur. Um Punkt 5 Uhr bläst Mama Corinna zum Abmarsch, denn Vater Benedikt muss die beiden kleinsten zur Wölflingsgruppenstunde bringen. Jurij schließt sich den dreien an. Nachdem die Väter mit den Gruppenleitern Pascal und Fabi besprochen haben, dass Dunja die nächsten zwei Wochen an der Wö-Gruppenstunde teilnehmen darf, erledigen die beiden den Wochenendeinkauf. Nach einer gefühlt unendlichen Liste von Corinna, schaffen sie es gerade noch pünktlich, um die Kinder von den Wölflingen abzuholen. Wild durcheinander erzählen die Kinder begeistert von Spielen und der anschließenden Traumreise, in der sie Zuschauer von einer Mondlandung sein durften. „Was für ein gelungener Tag“, denkt sich Vater Benedikt.


Dritter Teil: „Es schneit, es schneit!“ ruft Tobi und drückt sich die Nase an der Fensterscheibe platt. Von der Begeisterung angesteckt, hüpfen Dunja und er noch mit Schlafanzug bekleidet um den Esstisch herum. Auch Milena, die gerade dabei ist mit ihrer Mutter den Frühstückstisch zu decken, hält kurz inne und erfreut sich an den weißen Flocken. „Wow, das sieht ja aus wie in Die Wintersaga!, Irina, komm schnell runter, das musst du dir ansehen.“ Fasziniert von dem schönen Ausblick aus dem Fenster, geht sie einen Schritt näher und übersieht dabei völlig, dass Rauhaardackel Peter mal wieder im Weg liegt. Sie stolpert mit dem Geschirr in der Hand über ihn und legt sich der Länge nach hin. Peter verzieht sich knurrend unter den Esstisch. Da reicht Irina ihr schon die Hand, um ihr aufzuhelfen. Unerklärlicher Weise ist kein Teller beim Sturz kaputt gegangen. Während sie gemeinsam den Tisch zuende decken, plappern sie wild über die besten Szenen des Winterromans von Sandrine Hohmimmel. Nun ruft Corinna auch den Rest der Familie zum Frühstück und bittet Boris zwei Kerzen des Adventskranzes anzuzünden. Sie genießen einen gemütlichen Sonntagvormittag, in der vor allem der gestrige Nikolausmarkt Thema ist. Während die Eltern von der harmonischen Atmosphäre schwärmen, in der sie entspannt Glühwein schlürften und Bratwurst und Waffeln verspeisten, freute sich Milena über das viele Lob für das Selbstgebastelte. Neben Weihnachtskarten und Keksen hatte sie auch Wachstücher, Elchgläser und vieles mehr gut verkauft. Besonders faszinierend fanden die beiden Kleinsten den Besuch des Nikolauses, der ihnen mit seiner tiefen Stimme schon ein bisschen Angst gemacht hatte. Besonders der kleinen Dunja, die diesen Brauch aus ihrem Heimatdorf nicht kennt. Doch nachdem sie anschließend mit ihm gemeinsam Stockbrot backen konnte, hatte er auch ihr Herz erobert. „Schade nur, dass gestern noch kein Schnee lag“, sagt Papa Benedikt und schlägt einen Schneespaziergang vor. Peter, der das Wort Spaziergang hört, verzieht sich schnell unters Sofa in der Hoffnung nicht gefunden zu werden. Die Kinder jedoch schreien wild durcheinander: „Nein, wir wollen lieber Schlittenfahren“. Schnell ist dies beschlossene Sache. Und so verbringt die Familie einen schönen Tag im Schnee mit heißem Kakao, wilden Schneeballschlachten und rasanten Schlittenabfahrten. Bei einem Wettfahren krachen Mändii und Boris mit ihren Schlitten plötzlich ineinander und kugeln wie eine kleine Schneelawine ins Tal. Während den Müttern das Herz in die Hose rutscht und die Kinder belustigt in die Hände klatschen, kriechen die beiden Wettfahrer bereits lachend und unversehrt aus dem Schneeberg. Total geschafft, aber glücklich begeben sich die zwei Familien auf den Weg nach Hause. Jurij nimmt liebevoll den kleinen Dackel auf den Arm, der mit seinen kurzen Beinen und am ganzen Körper zitternd versucht durch den Schnee zu stapfen. Noch nie hatte er solch wackelnde Dackelbeine gesehen. Zuhause angekommen herrscht eine behagliche Gemütlichkeit, auf jedem Heizkörper liegen Jacken und Handschuhe zum Trocknen. Mit dicken Socken und einer Tasse Tee in der Hand wärmen sich alle erstmal vor dem Kamin auf. „Ich hab Hunger, ich will Pfandkuchen“, durchbricht der Kleinste im Raum die träge ruhige Stimmung. Mama Corinna verdreht die Augen und schaut hilfesuchend zu ihrem Mann. „Das heißt Pfannkuchen, Tobias“, erwidert dieser. „Nein, Pfandkuchen, das haben mir die Rover gestern beigebracht“, versucht sich Tobi zu rechtfertigen. „Du darfst nicht immer alles glauben, was die Rover sagen“, erklärt Papa Benedikt schmunzelnd. Mändii und Milena kichern. Da die ausländischen Gäste nicht wissen, was Pfannkuchen sind, begibt sich Benedikt in die Küche und bereitet einen riesigen Berg Pfannkuchen für die ganze Familie zu. Mutter Olga hilft ihm und stellt schnell fest „Das ist genau wie unsere Blinis, die lieben alle Kinder.“ Nachdem der Turm an Pfannkuchen restlos vertilgt wurde, schickt Mama Corinna die Kinder schnell ins Bett: „Morgen ist schließlich Schule. Also Zähne putzen, Pipi machen, ab ins Bett.“ Unerwartet gehorsam gehen die Kinder nach diesem anstrengenden Tag ins Bett. Am nächsten Abend steht die Rovergruppenstunde an. Mändii nimmt Boris mit, der sich im Gewusel der vielen Rover sofort wohlfühlt. „Was macht ihr denn heute“, fragt Boris neugierig. „Naja eigentlich wollten wir heute backen, aber Stefan, der den Teig mitbringen soll, scheint wie üblich zu spät zu kommen.“ Während Sina überlegt, schnell noch Zutaten beim Discounter um die Ecke zu besorgen, baut Martha bereits den Fleischwolf auf. Nach heißer Diskussion erklären sich zwei Rover bereit den Einkauf zu übernehmen. Kaum losgelaufen, taucht Stefan auf und entschuldigt sich mit einer plausiblen Erklärung fürs Zuspätkommen. Mit lauter Musik und Roverbrause geht’s motiviert ans Werk. Mit vollem Elan stopfen die ersten den Teig in den Fleischwolf und Lars beginnt um sein Leben zu kurbeln. Doch irgendwie kommt kein Spritzgebäck vorne raus. Immer mehr Teig wird in den Fleischwolf gestopft und Boris muss Lars helfen kräftig an der Kurbel zu drehen, weil sich kaum noch etwas bewegt. Mit kritischem Blick steht Annakanada plötzlich in der Tür, doch bevor sie die motivierten Rover und das bevorstehende Übel stoppen kann, kracht es kurz und der Keksteig spritzt in alle Richtungen. Schulterhochziehend kommentiert Boris „Ups, das war wohl eine Keksexplosion.“ Die Rover brechen in lautes Gelächter aus, nur Anna kann sich nur mühsam ein Grinsen abringen, als sie sich den Keksteig aus dem Gesicht wischt. Sina sorgt schnell für Ordnung, sodass doch noch ein paar leckere Kekse gebacken werden können. Auf dem Heimweg erzählt Boris von seinen Gruppenstunden zuhause und ist froh hier eine erleben zu dürfen und so gut aufgenommen worden zu sein. Auch Mändii freut sich, dass es ihrem Gast so gut gefallen hat.


m Abend vor der Abreise der Familie Szsahdkidg herrscht geschäftiges Treiben im Hause Tenktereng. Hier werden Bücher eingesammelt, da noch letzte Kleidungsstücke in die Koffer geräumt und alles wuselt wild durcheinander. Immer wieder gestört durch den im Weg liegenden Rauhaardackel, bindet ihn Mama Corinna mit der Leine am Türgriff der Vorratskammer fest. Alle sind ganz aufgeregt, doch vor allem Irina ist unruhig. Denn in ein paar Tagen ist es soweit. Sie steht im Finale des Buchstabierwettbewerbs ihres Landes. Im Halbfinale vor ein paar Wochen scheiterte sie beinahe an dem Wort Chlorhexamed Fluid. Doch mit dem endoplasmatischen Retikulum konnte sie das Halbfinale dann doch für sich gewinnen. Schon in den letzten Tagen nutzte sie jede freie Minute, um zu üben. Milena hätte ihr gerne geholfen, kann aber die merkwürdigen Zeichen nicht entziffern. Benedikt und Jurij schnappen sich auf Bitten von Mama Corinna derweil die Jüngsten, um im Wald einen Tannenbaum zu schlagen. Olga ist froh, dass sie nun ohne Störung der beiden Wirbelwinde weiter packen kann. Dick angezogen und mit einer großen Säge machen sich die vier auf den Weg, um einen schönen Baum zu finden. „Ich will einen, der sooo groß ist“, sagt Tobi und streckt die Arme so hoch er kann und stellt sich auf die Zehenspitzen. „Mindestens so groß wie du, Jurij.“ „Wusstest du eigentlich, dass wir Weihnachten ganz anders als ihr feiern? Wir stellen unseren Baum erst kurz vor Silvester auf“, erklärt Jurij dem kleinen Tobi. „Hä, aber dann ist Weihnachten doch schon vorbei“, erwidert der verwirrt. „Der heilige Abend ist bei uns nicht der 24. Dezember, sondern der 6. Januar“, antwortet Jurij. „Genau, das heißt nämlich Sochelnik“ fügt Dunja hinzu. Vater Jurij erklärt, dass man sich an Silvester mit der Familie trifft und dort Geschenke ausgetauscht werden und dass man bei einem großen Fest mit reich gedecktem Tisch zusammenkommt. In der Nacht vom 6. auf den 7. Januar kommt dann für die braven Kinder Väterchen Frost mit seiner Enkelin, dem Schneemädchen, auf einem Pferdeschlitten vorbei und legt ihnen Geschenke unter den Weihnachtsbaum. Das findet Tobi komisch: „Boah, dann musst du ja noch richtig lange auf deine Geschenke warten, Dunja.“ Das Mädchen nickt. Währenddessen hat sich im Haus der Tenkterengs viel getan. Die Koffer sind gepackt, die Kinder spielen und die Mütter bereiten gemeinsam das Abendessen vor. Da fragt Olga neugierig nach, wie denn ein typisch deutsches Weihnachtsessen aussieht. Mutter Corinna berichtet von den unterschiedlichsten Traditionen wie Kartoffelsalat und Würstchen, Weihnachtsgans mit Rotkohl und Klößen, Fondue oder Raclette. „Bei uns ist es allerdings so, dass sich jedes Jahr eins unserer Kinder ein Gericht wünschen darf. Letztes Jahr hatten wir zum Beispiel Hähnchen Nuggets und Pomm Frites, das hatte sich Tobi gewünscht. Dieses Jahr ist Mändii dran. Sie wünscht sich ein Süßkartoffelgratin mit Salat und als Nachtisch Creme Brulee.“ „Das ist aber eine schöne Tradition“, erwidert Olga. Bei ihr wird jedes Jahr das gleiche serviert. Da ihr Dorf sehr gläubig ist, wird zu Weihnachten nach der Fastenzeit auf magere Kost gesetzt. So essen sie zum Beispiel neben Salaten das typische Gericht Kutja. Noch bevor Corinna fragen kann, was Kutja ist, rumpst es an der Haustür. Schnell öffnet sie die Tür und erbklickt nichts als einen großen Tannenbaum. Mit gemeinsamen Kräften bringen sie den Baum in die gute Stube und stellen ihn neben dem Kamin auf. Angelockt von dem Lärm kommt auch der Rest der Familie ins Wohnzimmer und erfreut sich an dem prächtigen Baum. Mändii und Milena holen den Weihnachtsschmuck aus dem Keller und gemeinsam schmücken sie den Baum. Vertieft in das Schmücken, hört Jurij plötzlich ein leises Wimmern. Dem Geräusch folgend findet er Rauhaardackel Peter in der Vorratskammer liegend mit einem Wurstzipfel aus dem Maul hängend. Das Tier hatte die Gelegenheit genutzt mithilfe der Leine die Türklinke der Kammer herunterzuziehen und sich über die Wurstvorräte der Familie herzumachen. Jurij lacht und ruft Corinna herbei. „Oh nein ich Schussel, ich habe vergessen die Vorratskammer abzuschließen, das hat das gefräßige Tier schon einmal gemacht. Jetzt haben wir keine Würstchen zum Abendessen.“ Liebevoll nimmt Jurij den überfressenen Dackel hoch und legt ihn behutsam in sein Körbchen im Wohnzimmer. Schnell wird über die Missetat des Tieres berichtet und froh dem Weihnachtstrubel zu entgehen, rufen Mändii und Boris wie aus einem Mund: „Wir holen schnell Neue.“ „Dürfen wir mit?“, fragt Tobi und schaut seine große Schwester erwartungsvoll an. Diese blickt hilfesuchend zu ihrer Mutter. Corinna zögert kurz, da springt Vater Benedikt ihr zur Seite und sagt: „Ihr hattet doch versprochen, mit uns die Krippe aufzubauen, oder?“ Froh die Kleinen los zu sein, machen sie sich schnell aus dem Staub. Am heutigen Abend findet keiner so richtig in den Schlaf. Der bevorstehende Abschied der neuen Freunde macht alle ein wenig wehmütig. Auch beim Frühstück sind alle sehr wortkarg. Als es gemeinsam zum Bahnhof geht, kullern bereits die ersten Tränchen. Mändii ist nur froh, dass sie am Morgen wasserfeste Wimperntusche aufgetragen hat. Die Familien versprechen sich in Kontakt zu bleiben und freuen sich schon auf den baldigen Gegenbesuch. Da fährt auch schon der Zug ein. „Warum muss ausgerechnet heute der Zug mal pünktlich kommen?“, denkt sich Vater Benedikt. Es folgt ein wildes Umarmen, Taschen werden in den Zug gereicht und die Familie Tenktereng winkt zum Abschied. Alle sind froh an dem Austauschprogramm teilnehmen zu dürfen. Keiner hätte damit gerechnet, dass sie so schnell Freunde werden und sie schon jetzt vermissen. Zwei Wochen später holt Mama Corinna erneut einen braunen Umschlag aus dem Briefkasten. Absender ist Familie Szsahdkidg aus…?