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Eine Weihnachtsgeschichte

Bei Familie Tenktereng ist heute ganz viel los. Nachdem der Postbote heute Mittag den großen braunen Umschlag einwarf, war es mit der ruhigen Vorweihnachtsstimmung erstmal vorbei. Voller Neugier quängeln die Kinder schon den ganzen Tag, um endlich zu erfahren, was in dem verdächtigen Umschlag mit ausländischen Briefmarken steckt. Mändii, die größte der drei Kinder, ist 16 Jahre alt und immer für hitzige Diskussion mit ihren Eltern bereit. Die ersten Zicken zeigt sie schon am Morgen, wenn sie an ihrem Schreibtisch sitzt und ihre engelsblonden Haare bürstet. Wehe ihr kleiner Bruder Tobi geht an ihre Heiligtümer wie ihren neuen Eyeliner oder den angesagten Lipgloss fairy pink. Denn nicht nur einmal nutzte Tobi in ihrer Abwesenheit die Gelegenheit sich an ihren Beautyutensilien zu bedienen. Ob als Panda, Löwe oder Clown, für klein Tobi musste es immer bunt sein. Der 8-Jährige und damit Jüngste in der Familie geht in die dritte Klasse der benachbarten Waldorfschule und hat gerade gelernt, seinen Namen zu tanzen, was die Familie in den Wahnsinn treibt. Besonders aber die mittlere der drei Kinder: Milena. Milena ist ein echter Bücherwurm und mit ihren 13 Jahren auf dem Gymnasium Klassenbeste.
„Kiiiiinder, Tisch decken, Essen ist fertig.“ Während Milena pflichtbewusst anfängt, die Teller aus dem Schrank zu holen und Mändii nöhlt, dass ihre Nägel noch nicht trocken sind, poltert und rumpst es von oben die Treppe hinunter. Inspiriert vom letzten Besuch bei Oma, schallt es plötzlich laut durch den Hausflur „Ich will nen Cowboy als Mann..“ und Tobi kommt mit Milenas altem Springseil lassoschwingend ins Esszimmer gestürmt. Denn auch heute hatte er sich wieder einmal im Zimmer seiner großen Schwester ausgetobt und sich als Indianerhäuptling geschminkt. Da platzt Mama Corinna der Kragen und sie spricht ein Machtwort. Kurz darauf ist der Tisch gedeckt, Papa Benedikt kommt auch gerade rechtzeitig heim und der große braune Briefumschlag kann endlich geöffnet werden. „Hurra, wir haben es geschafft. Wir sind Teil des international familiy scout exchange programme for multicultural experiences and more“ erzählt Mama Corinna. Während Mändii und Milena noch fragend schauen, spricht es Tobi laut aus: „Häää?!“ „Das heißt wie bitte mein Sohn“ erwidert Papa Benedikt und lockert seine Krawatte. Die Familie hatte es also tatsächlich geschafft einen Platz in dem begehrten Austauschprogramm zu ergattern, in dem sich Pfadfinderfamilien aus verschiedenen Ländern und Kulturen begegnen können. Hierzu besuchen sich die Familien jeweils 2 Wochen, um das Leben der anderen Pfadfinder kennenzulernen und Erfahrungen auszutauschen. Während sich der kleinste am Tisch schon am Briefumschlag vergreift, um ihn sich über den Kopf zu ziehen, fällt plötzlich ein Foto aus dem vermeintlich leeren Umschlag. Und da kam Peter ins Spiel. Der alte gutmütige und immer schnarchende Rauhaardackel, der sich normalerweise nur unter Zwang bewegt, wird immer dann wild, wenn vom Esstisch etwas fällt. Aber die clevere Milena ist schnell genug und rettet das Foto vor dem gefräßigen Tier. In einer Winterlandschaft steht da eine Familie, die freundlich in die Kamera lächelt und in ihren weißen Skijacken fast ein bisschen wie Schneemänner aussieht. „Schatz, hast du gelesen wann Familie Szsahdkidg kommt?“, fragt Papa Benedikt, wie immer kontrollierend und faktencheckend. „Was? Schon nächsten Freitag? Da ist doch Nikolaus", stellt Mama Corinna fest, während ihr die ganze Farbe aus dem Gesicht weicht. Schon jetzt total unter Stress weiß sie gar nicht, wo sie anfangen soll: „Putzen, waschen, einkaufen, dekorieren, Geschenken besorgen, und das zusätzlich zum normalen Wahnsinn. Wie soll ich das denn schaffen? Und ihr müsst auch noch eure Zimmer aufräumen!“ Papa Benedikt versucht seine Frau zu beruhigen „Schatz, du schaffst das schon. Wir sind ja auch noch da.“ Während Mändii sich mit gequältem Gesichtsausdruck darüber beschwert, etwas tun zu müssen und im schlimmsten Fall sogar noch ihr Zimmer teilen müssen, wird Milena ganz hibbelig. „Aber Mama ich kann jetzt nicht aufräumen, du musst mir doch noch helfen, die blaue Lilie aufzunähen. Heute ist doch noch Juffigruppenstunde und ich will nicht die einzige sein, die nach ihrem Versprechen keine Lilie auf der Kluft hat.“ Am Abend ist endlich Ruhe in die Familie Tenktereng eingekehrt. Sie sitzen im Wohnzimmer, um sich auf einen gemütlichen Fernsehabend einzustellen, da kommt Milena von der Gruppenstunde nach Hause. Aufgeregt, wie sie ist, stolpert sie wieder einmal über den mitten im Weg liegenden Peter, der sich grummelnd einen neuen Platz mitten im Raum sucht. Sie berichtet stolz von der Gruppenstunde und dass sich alle auf den Besuch aus dem Ausland freuen. Schnell wird klein Tobi noch ins Bett geschickt und der Rest der Familie genießt mit einer großen Schüssel Popcorn den Abend mit einem Rosamunde Pilcher Film. Denn das ist Papa Benedikts Lieblingsbeschäftigung nach einem stressigen Arbeitstag. Fortsetzung folgt…


Mit roten Nasen und frierend steht Familie Tenktereng erwartungsvoll und aufgeregt am Hauptbahnhof an Gleis 3. Selbst Rauhaardackel Peter ist es zu kalt, sich auf den Boden zu legen und seiner Lieblingsbeschäftigung nachzugehen. Mändii, Milena und Tobi liegen Mama Corinna schon in den Ohren und wollen wissen, wann der Zug endlich ankommt. Denn auf der Anzeigentafel wurde bereits eine kurze Verspätung angekündigt. Doch dann ist es endlich soweit, der Zug fährt quietschend in den Bahnhof ein und die Türen öffnen sich. Nach acht Tagen des Wartens können die Tenkterengs ihre Austauschfamilie endlich begrüßen. Schnell hat sie Milena am Ende des Bahngleises entdeckt. Voll bepackt, die Jacken unterm Arm, kommen sie schon winkend auf die Familie zu. „Oh wie schön, dass ihr endlich da seid. Ich hoffe ihr hattet trotz Verspätung eine gute Reise?!“, empfängt Mama Corinna die Szsahdkidgs herzlich. „Mama, die sprechen doch ausländisch, oder?“ wirft der kleine Tobi ein und zieht seiner Mama an der Jacke. Daraufhin beugt sich Olga freundlich zu dem kleinen Jungen runter und sagt „Keine Sorge mein Kleiner. Meine Eltern stammen aus Deutschland, deswegen sprechen wir alle deutsch. Du bist Tobi, oder? Ich bin Olga“ und reicht ihm, wie bei den Pfadfindern üblich, die linke Hand mit abgespreiztem kleinen Finger. Jetzt begrüßen sich auch die anderen Familienmitglieder wild und freudig durcheinander. Die kleine Dunja, ungefähr in Tobis Alter, sticht mit ihren feuerroten Locken und ihrem rosafarbenen Ballettröckchen sofort ins Auge. Sie scheint dieselben Vorlieben zu besitzen wie ihr Gastbruder. Schneller als die Eltern es begreifen können, haben sich die beiden kleinsten angefreundet und spielen auf dem Bahnsteig verstecken. Wesentlich schüchterner ist die mittlere Tochter der Familie Szsahdkidg, Irina. Still steht die 14-Jährige an der Seite ihres Vaters und ist mindestens einen Kopf größer als Milena. Auch ihr Vater Jurij ist großgewachsen. Mit seinem dunklen Vollbart und dem Karohemd sieht er aus wie ein echter Holzfäller. Doch wenn er lacht, strahlen seine blauen Augen und seine Lachfältchen spiegeln seine freundliche Art wider. Bevor die Kinder in ihrem Eifer noch auf die Gleise springen, treibt Mutter Corinna zum Aufbruch an und gemeinsam gehen die Familien zum Auto der Tenkterengs. Die beiden Väter verladen das Gepäck als Papa Benedikt den Rucksack von Irina entgegennimmt. Dieser zwingt ihn fast in die Knie. „Mein Gott, Irina, was hast du denn da drin? Backsteine?“, fragt er stöhnend. Kichernd erwidert sie „Nein, nur das ein oder andere Buch.“ Auch Boris packt fleißig beim Verladen der Koffer an. Der gutaussehende älteste Sohn der Szsahdkidgs, genießt schon seit dem ersten Moment Mändiis volle Aufmerksamkeit. Als Jurij die Jacken auf dem Rücksitz verstauen will, stoppt ihn Vater Benedikt und merkt an, dass es doch viel zu kalt sei. Da sie nämlich nicht alle ins Auto passen, müssen sie ihren Heimweg zu Fuß antreten. „Wir machen eine Schnitzeljagd, freut sich Tobi und springt jubelnd um Dunja herum, die gleich darauf in das Jubelgeschrei einstimmt. Dackel Peter schleicht sich derweil heimlich in den Fußraum des Beifahrersitzes. Schnell enttarnt Benedikt den faulen Hund: „Komm du Dickerchen, ein bisschen Bewegung tut dir auch mal gut“. Er zerrt ihn aus dem Auto und drückt Milena die Leine in die Hand. Und Mama Corinna nimmt sogleich das Kommando wie ein Marineschifffahrtskapitän in die Hand: „Los zieht eure Jacken an, dann können wir starten.“ Da ertönt Jurijs lautes Lachen: „Hier es doch total warm, zuhause haben wir minus 30 Grad.“ Die Männer steigen ins Auto und fahren los. Corinna teilt die Gruppen ein, erklärt den Ablauf und los geht die Schnitzeljagd nach Hause. Während sich die Familien besser kennenlernen und viel Spaß an ihrem kleinen Abenteuer haben, trottet ein Familienmitglied immer weit hinter den anderen her. Doch durch gutes Zureden der tierlieben Irina, schafft es auch der müde Dackel Peter bis nach Hause. Nach einem typisch deutschen Mittagessen verläuft der Nachmittag etwas ruhiger. Die Eltern der beiden Familien sitzen gemütlich im Wohnzimmer vor dem Kamin und unterhalten sich bei einer Tasse Kaffee. Mama Olga, eine kleine etwas rundliche und warmherzige Frau, berichtet mit leuchtenden Augen vom letzten Familienurlaub in Norwegen. Die dortige Fjordlandschaft hatte sie alle am meisten begeistert. Währenddessen stecken Milena und Irina mit ihren Nasen schon tief in ihren gemeinsamen Lieblingsbüchern und diskutieren schon heiß über die bereits angekündigte Fortsetzung ihres Lieblingsfantasyromans. Die einzigen, die es nicht ruhiger angehen lassen können, sind Tobi und Dunja, die seit Stunden durchs ganze Haus toben. Von Boris und Mändii fehlt seit dem Mittagessen jede Spur. Um Punkt 5 Uhr bläst Mama Corinna zum Abmarsch, denn Vater Benedikt muss die beiden kleinsten zur Wölflingsgruppenstunde bringen. Jurij schließt sich den dreien an. Nachdem die Väter mit den Gruppenleitern Pascal und Fabi besprochen haben, dass Dunja die nächsten zwei Wochen an der Wö-Gruppenstunde teilnehmen darf, erledigen die beiden den Wochenendeinkauf. Nach einer gefühlt unendlichen Liste von Corinna, schaffen sie es gerade noch pünktlich, um die Kinder von den Wölflingen abzuholen. Wild durcheinander erzählen die Kinder begeistert von Spielen und der anschließenden Traumreise, in der sie Zuschauer von einer Mondlandung sein durften. „Was für ein gelungener Tag“, denkt sich Vater Benedikt.